Handlungsfeld: Wohnen
02/2026

Finke geht durchs Quartier

Wir steigen aus an der sehr tief gelegenen S-Bahn-Haltestelle Rissen. Ich bin heute nicht allein unterwegs, es sind einige interessierte Mitglieder mitgekommen. Darüber freue ich mich sehr, mein Aufruf in der vorletzten Kolumne wurde wahr- und angenommen.

Also – willkommen im Canyon. Städtebaulich nicht ganz gelungen, aber deswegen sind wir gar nicht hier. Wir feiern in diesem Jahr im Mittel das 75-jährige Jubiläum unserer Gartenstadt Mechelnbusch in Rissen. Gartenstadt? Was ist denn das überhaupt? Und wieso im Mittel?

In den Jahren 1950, 1951 und 1954 wurden in der Straße Mechelnbusch insgesamt 282 Wohnungen gebaut. Das ist wirklich lange her, der BVE war gerade einmal 50 Jahre alt, und der Zweite Weltkrieg gefühlt erst gestern beendet worden. Eine derart große Zahl Neubauwohnungen war seinerzeit ganz bestimmt ein Kraftakt.

Aufgrund der unterschiedlichen Baujahre feiern wir jetzt im Jahr 2026 im Mittel das Jubiläum. Die Siedlung ist ein herausragendes Beispiel für den Siedlungsbau in der frühen Nachkriegszeit und weist in Gestaltung und Anlageform unverkennbare Stilmerkmale des Neuen Bauens der Zwanzigerjahre auf. Die einzelnen Baukörper sind frei gruppiert, wodurch der Eindruck einer Parklandschaft mit Wohngebäuden entsteht. Daher dürfen wir mit einem gewissen Stolz von einer Gartensiedlung oder Gartenstadt sprechen.

Zeittypisch musste der BVE bei Bau und Entwurf eine gewisse Sparsamkeit beachten. Daher nutzte man zwar Beton, mischte diesem aber einen großen Anteil Trümmersplitt bei. Die hellen Putzfassaden waren zum Bauzeitpunkt für Hamburg untypisch. Das Konzept der Siedlung spiegelt die bei der Planung und Genehmigung noch geltenden Richtlinien zum sozialen Wohnungsbau der britischen Besatzungsmacht wider.

Die innere Aufteilung der Häuser ist eher ungewöhnlich, trägt aber auch zur erwünschten aufgelockerten Gestaltung bei. Die Häuser werden jeweils durch ein zentral im Hausinneren gelegenes Treppenhaus geteilt, die vorderen und die hinteren Wohnungen sind gegeneinander um ein halbes Geschoss versetzt. Balkone und Terrassen runden das Bild ab.

Wie Sie als regelmäßige Leserinnen und Leser dieser Kolumne wissen, komme ich aus dem Ruhrgebiet, aus Essen. Die Stadt Essen, ja das gesamte Ruhrgebiet, verfügt über einige Gartenstädte, insbesondere aber die Essener Siedlung Margaretenhöhe ist der Inbegriff schlechthin für eine gelungene Gartenstadt. Sollten Sie einmal in der Nähe sein, dann gönnen Sie sich einen Besuch. Hamburg verfügt auch über einige schöne Gartenstädte, die einen Besuch wert sind.

Eine spannende Wanderung durch unser Quartier ist geschafft. Ich verabschiede mich von meiner kleinen Reisegruppe und setze meinen Weg allein fort. Ich fahre nun mit Bahn und Bus in Richtung Berne und spaziere durch die gleichnamige Gartenstadt. Diese wurde bereits 1919 bis 1932 ganz im Sinne der Gartenstadtbewegung gebaut.

Selbstversorgung mit Obst und Gemüse sollten ermöglicht werden, außerdem experimentierte man bereits mit der Verrieselung von Abwässern auf den Grundstücken. Große Teile dieser Gartenstadt gehören einer Kollegengenossenschaft, die sich auch liebevoll um die Nachbarparkanlagen kümmert.

Auf meinem weiteren Weg komme ich an der Frank'schen Siedlung im Alstertal vorbei. Die von der Firma Frank in Eigenregie gebaute Siedlung gilt als Hamburger Pionier des sozialen Wohnungsbaus mit Gartenstadtcharakter. Man verwirklichte die Idee, bezahlbaren Wohnraum im Stil kleiner Städte zu schaffen. Die Gartenstadtidee prägte das damals durchaus visionäre Projekt, welches dank einer damaligen Monatsmiete von maximal 40 Reichsmark für die breite Bevölkerung bezahlbar war.

Man wohnt als Familie auf vier Etagen bei nicht ganz 80 Quadratmeter Nutzfläche. Das Badezimmer war im Keller. Das ist heute durchaus anders, vor allem kostet ein unsaniertes Reihenhaus beinahe 700.000 Euro. Mit 545 Häusern zählt die Frank'sche Siedlung heute zu den größten historischen Gartensiedlungen Hamburgs und steht seit 2011 unter Denkmalschutz. Auch unsere Gartenstadt in Rissen steht seit Jahrzehnten unter Denkmalschutz.

Hier in Hamburg Klein-Borstel endet mein heutiger Rundgang. Die letzten zwei Stationen war ich wieder allein unterwegs, aber ich freue mich, heute die erste Station mit einigen Mitgliedern gemeinsam erlebt zu haben. Mit der S-Bahn ab der Station Kornweg ist man in 55 Minuten wieder in der BVE-Zentrale in Hamburg-Iserbrook. Ganz ohne umzusteigen. Ich leiste mir aber eine leckere Pizza und ein gepflegtes Pils beim Italiener direkt am S-Bahnhof.

Herzlich

Ihr Peter Finke